Vatersein zwischen Plattform und Zuhause

Marit Aure befasst sich in ihrem Artikel “Mobile fathering: absence and presence of fathers in the petroleum sector in Norway” mit Vätern, welche in der Petroleum-Industrie Norwegens arbeiten. Sie geht der Frage nach, wie die langen Abwesenheiten aufgrund Arbeitsmobilität, gefolgt von intensivem Aufenthalt zu Hause, das Vatersein beeinflussen. Die Soziologieprofessorin interessiert sich für internationale Migration, Geschlecht und Maskulinitäten (UiT Webseite), welche Kernpunkte ihres Artikels sind.

Für ihre Studie hat sie 11 Väter interviewt, welche in einer «two-four-rotation» arbeiten. Das bedeutet, dass sie zwei Wochen «offshore» auf einer Plattform arbeiten, gefolgt von vier Wochen zuhause. Laut Aure “physical absence does not necessarily imply emotional absence” (Aure 2018:1), da die Väter durch Technologien wie z.B. Skype mit ihren Familien und besonders ihren Kindern kommunizieren und so ihre Beziehungen pflegen können. Außerdem wird die Zeit, die sie zu Hause verbringen, mit den Kindern umso intensiver genutzt. Jedoch ist es für einige Väter schwierig, nicht direkt intervenieren zu können, falls Probleme zu Hause auftauchen.
“The men view themselves as providers and caring fathers” (Aure 2018:11), die Männer  leben also zwischen zwei Welten und Identitäten. Einerseits die lange Zeit auf See, wo sie die traditionelle Rolle des geldverdienden Vaters haben, andererseits die intensive Zeit mit ihren Familien, wo sie Vatersein erleben können. Sie bestätigen ihre Maskulinität durch intensive, männlich konnotierte Arbeit, und beschäftigen sich gleichzeitig mit der Erziehung ihrer Kindern, was traditionell weiblich konnotiert ist. Der Schlusssatz fasst den Grundgedanken der Studie zusammen: «Involved fathering opposes and expands the gendered understanding of parenting but not necessarily the gender divisions and inequalities in other fields» (Aure 2018:12).

Ein Schlüsselinstrument um diese Kind-Vater-Beziehung zu pflegen ist die Technologie. Durch die Globalisierung ergeben sich „Möglichkeiten, über große Distanzen hinweg Beziehungen zu pflegen, […] oder mit modernen Transportmitteln in relativ kurzer Zeit an weit entfernte Orte zu reisen“ (Werlen 2014:54). Einerseits wird das durch Skype-Anrufe ermöglicht, andererseits kann es aber auch dazu führen, dass sich die Väter isoliert fühlen (Aure 2018:7) wenn sie etwas verpassen oder wenn sie sehen, dass das Leben ohne sie ebenfalls gut läuft. Diese Gegensätze nehmen die Väter jedoch in Kauf, denn die Arbeit ist gut bezahlt. “What can you do? You have to work” (Aure 2018:6), wie Roger in einem Interview sagt. Dank der Verfügbarkeit von ortsunabhängiger Information (Werlen 2014:61), bleiben die Väter, trotz Abwesenheit, mit ihren Familien im Kontakt.
So schaffen die Familien ihren eigenen Lebensstil und ihr Elternsein unterscheidet sich von der stereotypischen Geschlechterrolle (zumindest während der Anwesenheit des Vaters). Väter können ihre eigenen Werte und Interessen bei der Kindererziehung stärker zur Geltung kommen lassen, da sie ihre Zeit mit den Kindern intensiv nutzen. Es ergibt sich ein Bedeutungsverlust der geschlechtsbezogenen Traditionen, welcher Folge der Globalisierung ist.

Die Studie ist insofern relevant, dass es zwar Studien gibt, welche über Stress von Vätern, getrennt von ihren Kindern, berichten, jedoch nur sehr wenige, welche auch ihre Emotionen analysieren (Aure 2018:2). Mit ihrer Studie gelingt es Aure anhand von nachvollziehbarer Methodik und klarer Strukturierung zu diesem Themenfeld beizutragen.

 

Literatur

Aure, Marit (2018): Mobile fathering. Absence and presence of fathers in the petroleum sector in Norway. In: Gender, Place & Culture. A Journal of Feminist Geography. DOI: 10.1080/0966369X.2018.1462769. Publiziert online am 24.04.2018. <https://www.tandfonline.com/doi/citedby/10.1080/0966369X.2018.1462769?scroll=top&needAccess=true> (Zugriff am 02.11.2018)

UiT Webseite: UiT The Arctic University of Norway, Tromsø, Norway. <https://uit.no/om/enhet/ansatte/person?p_document_id=66875&p_dimension_id=88153>(Zugriff am 06.11.18).

Werlen, Benno (2014): Globalisierung. In: Lossau, Julia; Freytag, Tim; Lippuner, Roland (Hrsg.): Schlüsselbegriffe der Kultur- und Sozialgeographie. Stuttgart: Eugen Ulmer . S. 54-66.

Leave a Reply

Please log in using one of these methods to post your comment:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s