Rezension zu „The European Dispositif of Border Control in Malta. Migrants’ Experiences of a Securitized Borderland“

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Abbildung 1: Ein Migrant in einem Inhaftierungszentrum für Migrierende ausserhalb von Valletta (International Business Times 2015).

Der Artikel „The European Dispositif of Border Control in Malta. Migrants’ Experiences of a Securitized Borderland“ wurde von Léa Lemaire verfasst. Ihr Studium in Politikwissenschaft hat die Autorin in Aix in Frankreich absolviert und arbeitet jetzt sie an der Universität von Luxemburg, wo sie zu Migration und Governance forscht (Université du Luxembourg 2018).
Léa Lemaire beschreibt im Artikel Herausforderungen der Migration in Malta. Sie zeigt, dass Malta als Borderlands verstanden werden kann. Die Borderlands in Malta bezeichnet sie dabei als abgesichert, wobei sie den Inselstaat als Checkpoint und als Teil des europäischen Dispositives der Grenzkontrolle beschreibt. Sie versucht zu zeigen, wie diese Absicherung sich auf das Alltagsleben der Migrierenden auf Malta auswirkt und dass dabei Grenzen innerhalb des Landes und der Gesellschaft konstruiert werden.
Die Struktur vom Text ist gut, weil sie verschiedene Aspekte verbindet, wie die „ambiguitY“ und die „securitization“ in Malta. Die Argumente des Textes sind verständlich, weil Lemaire sie mit empirischem Material untermauert, wie dies beispielsweise beim Begriff der „ambiguity“ der Fall ist. Mehrere Ausschnitte aus Augenzeugenberichten von MigrantInnen auf Malta bereichern den Text, da sie eine zusätzliche Perspektive beinhalten. Diese Personen haben die beschriebenen Situationen persönlich erlebt und können so direkt ihre Erfahrungen ausdrücken. Die Methodik des Textes ist sehr transparent, weil klar offengelegt wird, auf welche Art die Informationen erhoben wurden. Der Text ist auch klar formuliert, weil bei wichtigen Begriffen wie „dispositif“ erklärt wird, auf welche Definition sich die Autorin beruft. Die Verwendung des Begriffs „migrant“ ist aber undeutlich, weil sich die Autorin dabei lediglich auf illegale Migrierende bezieht und legale Migration explizit ausser Acht lässt. Dabei bleibt sie aber transparent, weil Sie ihre Begriffsverwendung in einer Anmerkung deklariert, mit der Begründung, dass sie als Gruppe über den Begriff konstruiert werden. Der Text ist sehr ausgewogen, weil Lemaire versucht verschiedene Ansätze zu kombinieren und sowohl die Erfahrungen von Asylsuchenden als auch Aussagen der Behörden zu berücksichtigen.
Boeckler (2012: 48) beschreibt Borderlands als Orte normalisierter Differenz. Lemaire beschreibt in ihrem Text, wie in Malta solche Grenzen zwischen Migrierenden und Einheimischen geschaffen werden, indem die Asylsuchenden während ihrer Festnahme, aber auch nachher, vom Rest der Bevölkerung abgeschottet werden und ihnen viele Möglichkeiten verwehrt bleiben.
Laut Kasparek (2016: 38) trifft der Begriff der Borderlands nicht nur auf Malta zu, sondern auch auf andere Mittelmeer-Inseln wie Kos oder Lesbos – sie gehören für die Migrierenden zu den Korridoren nach Europa. Lemaire versucht aber zu zeigen, dass die Borderlands in Malta speziell sind, weil es kein Festland gibt, wo die Migrierenden hin gehen oder gebracht werden können.
Der Autorin gelingt es durch die Verbindung der verwendeten Ansätze ein kohärentes Bild der Borderlands auf Malta zu zeichnen. Das Beispiel von Malta als Korridor ist relevant für die Flüchtenden, weil ihnen gewisse Rechte entzogen werden (Kasparek 2016: 45), was eine Herausforderung darstellt.

Literatur:
Boeckler, Marc (2012). Borderlands. In: Marquardt, Nadine, Verena Schreiber (Hg.). Ortsregister. Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart. Bielefeld: transcript. 44-49.
Kasparek B. (2016). Routen, Korridore und Räume der Ausnahme. In: Hess S., B. Kasparek, S. Kron, M. Rodatz, M. Schwertl und S. Sontowski (2017): Der lange Sommer der Migration, Grenzregime III. Berlin : Assoziation A. 38-49.
Lemaire, L. (2018). The European Dispositif of Border Control in Malta. Migrants’ Experiences of a Securitized Borderland. Journal of Borderlands studies, 1-16. Université du Luxembourg (2018): «Léa Lemaire». 30. August 2018. Abgerufen am 6. November unter https://wwwen.uni.lu/research/flshase/identites_politiques_societes_espaces_ipse/research_institutes/institute_of_geography_and_spatial_planning/staff2/lea_lemaire

Abbildungen:
Abbildung 1: International Business Times (2015): What happens to migrants after crossing the Mediterranean to Malta ? 13. Mai 2015. Abgerufen am 8. November 2018 unter https://www.ibtimes.co.uk/isle-landers-what-happens-migrants-after-crossing-mediterranean-malta-photo-report-1500971


Mauro Schmid und François Wermeille

Vatersein zwischen Plattform und Zuhause

Marit Aure befasst sich in ihrem Artikel “Mobile fathering: absence and presence of fathers in the petroleum sector in Norway” mit Vätern, welche in der Petroleum-Industrie Norwegens arbeiten. Sie geht der Frage nach, wie die langen Abwesenheiten aufgrund Arbeitsmobilität, gefolgt von intensivem Aufenthalt zu Hause, das Vatersein beeinflussen. Die Soziologieprofessorin interessiert sich für internationale Migration, Geschlecht und Maskulinitäten (UiT Webseite), welche Kernpunkte ihres Artikels sind.

Für ihre Studie hat sie 11 Väter interviewt, welche in einer «two-four-rotation» arbeiten. Das bedeutet, dass sie zwei Wochen «offshore» auf einer Plattform arbeiten, gefolgt von vier Wochen zuhause. Laut Aure “physical absence does not necessarily imply emotional absence” (Aure 2018:1), da die Väter durch Technologien wie z.B. Skype mit ihren Familien und besonders ihren Kindern kommunizieren und so ihre Beziehungen pflegen können. Außerdem wird die Zeit, die sie zu Hause verbringen, mit den Kindern umso intensiver genutzt. Jedoch ist es für einige Väter schwierig, nicht direkt intervenieren zu können, falls Probleme zu Hause auftauchen.
“The men view themselves as providers and caring fathers” (Aure 2018:11), die Männer  leben also zwischen zwei Welten und Identitäten. Einerseits die lange Zeit auf See, wo sie die traditionelle Rolle des geldverdienden Vaters haben, andererseits die intensive Zeit mit ihren Familien, wo sie Vatersein erleben können. Sie bestätigen ihre Maskulinität durch intensive, männlich konnotierte Arbeit, und beschäftigen sich gleichzeitig mit der Erziehung ihrer Kindern, was traditionell weiblich konnotiert ist. Der Schlusssatz fasst den Grundgedanken der Studie zusammen: «Involved fathering opposes and expands the gendered understanding of parenting but not necessarily the gender divisions and inequalities in other fields» (Aure 2018:12).

Ein Schlüsselinstrument um diese Kind-Vater-Beziehung zu pflegen ist die Technologie. Durch die Globalisierung ergeben sich „Möglichkeiten, über große Distanzen hinweg Beziehungen zu pflegen, […] oder mit modernen Transportmitteln in relativ kurzer Zeit an weit entfernte Orte zu reisen“ (Werlen 2014:54). Einerseits wird das durch Skype-Anrufe ermöglicht, andererseits kann es aber auch dazu führen, dass sich die Väter isoliert fühlen (Aure 2018:7) wenn sie etwas verpassen oder wenn sie sehen, dass das Leben ohne sie ebenfalls gut läuft. Diese Gegensätze nehmen die Väter jedoch in Kauf, denn die Arbeit ist gut bezahlt. “What can you do? You have to work” (Aure 2018:6), wie Roger in einem Interview sagt. Dank der Verfügbarkeit von ortsunabhängiger Information (Werlen 2014:61), bleiben die Väter, trotz Abwesenheit, mit ihren Familien im Kontakt.
So schaffen die Familien ihren eigenen Lebensstil und ihr Elternsein unterscheidet sich von der stereotypischen Geschlechterrolle (zumindest während der Anwesenheit des Vaters). Väter können ihre eigenen Werte und Interessen bei der Kindererziehung stärker zur Geltung kommen lassen, da sie ihre Zeit mit den Kindern intensiv nutzen. Es ergibt sich ein Bedeutungsverlust der geschlechtsbezogenen Traditionen, welcher Folge der Globalisierung ist.

Die Studie ist insofern relevant, dass es zwar Studien gibt, welche über Stress von Vätern, getrennt von ihren Kindern, berichten, jedoch nur sehr wenige, welche auch ihre Emotionen analysieren (Aure 2018:2). Mit ihrer Studie gelingt es Aure anhand von nachvollziehbarer Methodik und klarer Strukturierung zu diesem Themenfeld beizutragen.

 

Literatur

Aure, Marit (2018): Mobile fathering. Absence and presence of fathers in the petroleum sector in Norway. In: Gender, Place & Culture. A Journal of Feminist Geography. DOI: 10.1080/0966369X.2018.1462769. Publiziert online am 24.04.2018. <https://www.tandfonline.com/doi/citedby/10.1080/0966369X.2018.1462769?scroll=top&needAccess=true> (Zugriff am 02.11.2018)

UiT Webseite: UiT The Arctic University of Norway, Tromsø, Norway. <https://uit.no/om/enhet/ansatte/person?p_document_id=66875&p_dimension_id=88153>(Zugriff am 06.11.18).

Werlen, Benno (2014): Globalisierung. In: Lossau, Julia; Freytag, Tim; Lippuner, Roland (Hrsg.): Schlüsselbegriffe der Kultur- und Sozialgeographie. Stuttgart: Eugen Ulmer . S. 54-66.

Institutioneller Rassismus an Grenzen zwischen uns und den Anderen – Eine Rezension

Racial Profiling
Abbildung 1: Verdächtig oder nur dunkelhaarig? Polizisten halten in der Silvesternacht in Köln junge Männer hauptsächlich aus Nordafrika zurück und kontrollieren ihre Ausweise.

Unter dem Stichwort ‚Racial Profiling‘ wird auch in Europa seit einigen Jahren vermehrt über die Kontrollen nach Hautfarbe durch die Polizei diskutiert (vgl. Amnesty International 2014; Bürgerrechte & Polizei/CILIP 2013). Bernd Belina gehört zu den ersten deutschsprachigen Geographen, welche das Thema wissenschaftlich aufgegriffen haben. 2016 verfasste er zu diesem Thema den Aufsatz „Der Alltag der Anderen – Racial Profiling in Deutschland?“ (Belina 2016). Belina ist seit 2008 Professor am Institut für Humangeographie in Frankfurt am Main (Goethe Universität 2018).

Zu Beginn diskutiert Belina das Verhältnis zwischen Nation und Rassismus. Seine These lautet, dass beide auf Ausschlussprinzipien beruhen, mittels derer Grenzen zwischen ‚uns‘ und ‚den Anderen‘ gezogen werden. Die Unschärfen beider Grenzen führen dazu, dass in präventiven Polizeipraxen die Hautfarbe notwendig zu einem Stellvertreter für Nicht-Zugehörigkeit und Gefahr wird.

Im zweiten Abschnitt plädiert Belina anstelle des engen Begriffs von Racial Profiling die weitere Perspektive des institutionellen Rassismus anzulegen. Er erläutert, dass das Phänomen durch den Begriff Racial Profiling individualisiert wird, indem die rassistischen Vorurteile der Polizeibeamten ausschlaggebend sind. Da Polizeikontrollen nach Hautfarben jedoch vielmehr ein strukturelles Problem sind, führt er den Begriff des institutionellen Rassismus ein. Mit seinem Vorschlag des institutionellen Rassismus öffnet Belina das Phänomen für neue Forschungsansätze. Es ist jedoch hypokritisch, dass er trotz seiner Kritik den problematischen Begriff für den Titel seines Aufsatzes „Der Alltag der Anderen – Racial Profiling in Deutschland?“ gewählt hat.

Im nächsten Kapitel wird der institutionelle Rassismus im Kontext der Verschiebung der Grenzen diskutiert. Das deutsche Staatsterritorium ist vollständig von Staaten umgeben, von denen aus die Einreise aufgrund des Schengenraums ohne Grenzkontrolle vonstattengeht. Belina erklärt, dass die Grenzen Europas deshalb nicht mehr am Rande der Staatsgebiete liegen, sondern überall dort verstreut sind, wo Personen zirkulieren. Dabei vergisst er jedoch einen Grossteil der Opfer des institutionellen Rassismus, welche von ausserhalb des Schengenraumes einreisen.

Da der institutionelle Rassismus in der Wissenschaft noch sehr spärlich behandelt wurde, stellt Belina zum Schluss offene Forschungslücken dar. Erstens fehle die Forschung zur Polizeipraxis, welche die vorgefundenen Kontrollen in Bezug auf Intersektionalität und die Orte der Kontrolle diskutiert. Zweitens mangele es an Forschung über das Zusammenspiel der Polizeipraxis mit politischen Anforderungen und rechtlichen Regelungen. Zuletzt erkennt er, dass es zudem an empirischer Forschung über die Wahrnehmung der Kontrollierten fehlt.

Die Relevanz des Themas zeigt Jack Glaser (2015) mit einer Analyse der Erfahrungen von People of Colour. Er stellt fest, dass institutioneller Rassismus den sozialen Frieden gefährdet. Indem Belina die Forschungslücken aufzeigt, appelliert er, dass die Wahrnehmung der Kontrollierten ernst genommen werden muss und einen progressiven Beitrag zur Wissenschaft leisten kann.

Belina zeigt eindrücklich, dass durch den Schengenraum zwar bestimmte Grenzen aufgelöst werden, auf der anderen Seite aber soziale Grenzen durch Diskriminierung und Ausgrenzung entstehen. Leider legt er keine Lösungsansätze dar, wie man das strukturelle Problem der Polizeikontrollen nach Hautfarben angehen könnte. Er beschränkt sich lediglich darauf, die ersten Elemente einer Untersuchung  des institutionellen Rassismus der deutschen Polizei zu liefern. Seine ausführlichen Forschungsvorschläge versprechen jedoch, dass er mit diesem Aufsatz einen wichtigen Grundstein für zukünftige Studien über den institutionellen Rassismus und damit auch die Zukunft der von ihm Betroffenen gelegt hat.

 

Literatur

Amnesty International, 2014: Racial/Ethnic Profiling: Positionspapier zu menschenrechtswidrigen Personenkontrollen. Berlin.

Belina Bernd (2016): Der Alltag der Anderen – Racial Profiling in Deutschland? In: Dollinger, Bernd, Schmidt-Semisch, Henning (2016): Sicherer Alltag? – Politiken und Mechanismen der Sicherheitskonstruktion im Alltag. Berlin: Springer SV, S. 125-146.

Bürgerrechte & Polizei/CILIP, 2013: Themenheft Racial Profiling. H. 104.

Glaser Jack (2015): Suspect Race. Causes and Consequences of Racial Profiling. New York: Oxford University Press.

Goethe Universität (2018): Prof. Dr. Bernd Belina – Kurzportrait. https://www.uni-frankfurt.de/42233858/01_portrait. (Stand: 2018) (Zugriff: 05.11.2018).

Abbildung

Abbildung 1: Völlinger Veronika & Lauter Rita (2017): Racial Profiling – Die üblichen Methoden der Gefahrenabwehr. In: Die Zeit. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-01/racial-profiling-koeln-silvester-polizei-polizeieinsatz. (Zugriff: 06.11.2018).

Confronting Borders in the Arctic

Der Artikel «Confronting Borders in the Arctic» wurde von dem amerikanischen Geographieprofessor Scott R. Stephenson geschrieben. Momentan unterrichtet er an der University of Connecticut. Sein Interessefeld liegt in der Intersektion zwischen Umweltveränderungen und politischen oder wirtschaftlichen Systemen. Fokus seiner Forschung liegt auf Klimaänderungen und deren Auswirkungen in der Arktis.

Gleich zu Beginn schreibt der Autor, dass die Arktis sich zweimal so schnell erwärmt wie der globale Durchschnitt. Aufgrund der Aktualität des Themas gibt es sehr viele wissenschaftliche Arbeiten, die sich mit der Arktis und deren klimabasierten Veränderungen beschäftigen. Stephenson gibt nebst seinen eigenen Erläuterungen eine kurze Einführung in sechs solche wissenschaftliche Artikel.
Der Aspekt des Klimawandels hat in der Arktis weit grössere Auswirkungen als nur die Veränderungen, die in der Landschaft stattfinden. Durch das fortschreitende Schmelzen des Polareises gibt es immer grössere Gebiete in der Arktis mit immer längeren eisfreien Perioden. Durch die physischen Veränderungen verändert sich auch das Verständnis von Grenzen. Mit mehr eisfreien und somit nutzbaren Flächen steigt das Interesse am Gebiet, sei es durch Tourismus, Suche nach Ressourcen oder neu erschliessbare Transportwege.
Der Nordpol und das umgebende Gebiet sind so weit vom Festland entfernt, dass kein Land das Gebiet besitzt. Allerdings haben Staaten die Möglichkeit, unter bestimmten Bedingungen Kontrolle über Teile des Kontinentalschelfs bei der United Nations Commission on the Limits of the Continental Shelf (CLCS) zu beantragen. Bisher erhoben Norwegen, Russland und Dänemark Anspruch.
Allerdings haben die zugänglich werdenden Bodenschätze auch in anderen Staaten, wie beispielsweise dem weit entfernten Singapur, Interesse geweckt.
Weil die Arktis mehr und mehr in den Fokus von internationalen Netzwerken gelangt (bezüglich Forschung, Umweltschutz, Ressourcenabbau etc.), wird im Artikel von der «Globalen Arktis» gesprochen. Es kann auch von der Globalen Arktis gesprochen werden, da es keine verbindliche Definition der Region gibt und nordische Länder je nach Definition zum Gebiet gezählt werden oder nicht (Bartsch 2011).
In der folgenden Karte sind drei verschiedene Varianten eingezeichnet.

Bild Arktis

Abbildung 1: Verschiedene Definitionen der Arktis.

Ein anderes Problem, dass sich beim Definieren des Gebietes der Arktis ergibt ist, dass sich die Landschaft laufend verändert. Durch das Schmelzen des Packeises oder das Verschieben von Eismassen verändern sich die physischen Grenzen die ganze Zeit.

Stephenson hat in seinem Artikel das Thema sehr umfassend erläutert. Er bezieht sich auf die komplexe Beziehung zwischen den physischen Aspekten und den einflussreichen politischen und wirtschaftlichen Systemen. Um seine eigenen Aussagen in einen grösseren Kontext zu stellen bespricht er konkrete Beispiele aus anderen wissenschaftlichen Arbeiten.

Unserer Meinung nach beinhaltet der Text keinen klaren roten Faden, der durch das komplexe Thema führt. Beispielsweise die Rolle der im Artikel erwähnten Ureinwohner der Arktis wird nicht ganz klar. Da der Text keine Struktur durch Untertitel hat, ist es schwierig einen Überblick zu behalten.

Die Arktis ist im Bezug auf Grenzen ein sehr spannendes Thema. Dadurch, dass das Gebiet zu keinem Land gehört, sind politische und wirtschaftliche Angelegenheiten sehr komplex. Da die Landschaft zusätzlich stark durch die Klimaerwärmung verändert wird, ist die Grenzsituation in diesem Gebiet einzigartig auf der Welt.

 

Bibliographie

Stephenson, Scott R. (2018): Confronting Borders in the Arctic. In: Journal of Borderlands Studies, 33:2, 183-190

Bartsch, Golo M. (2016): Klimawandel und Sicherheit in der Arktis. Hintergründe, Perspektiven, Strategien, Berlin: Springer VS

 

Abbildungen

Abbildung 1: Bartsch, Golo M. (2011): Die Governance der Arktis. Akteure, Institutionen und politische Perspektiven im tauenden Hohen Norden, unv.MA, FernUniversität in Hagen

With a Border Fence in the Backyard

Elina Troscenko ist eine angehende Doktorandin am Department für Sozialanthropologie an der Universität Bergen in Norwegen. Basierend auf einer ethnographischen Feldarbeit soll ihr Artikel aufzeigen, wie die Materialisierung der Grenze Teil der Landschaft und Teil des Lebens der usbekischen Bevölkerung an der kirgisisch-usbekischen Grenze wurde (Troscenko, 2016, S. 88).

Der Buchartikel befasst sich mit der materiellen Vorherrschaft einer Grenzlinie und deren Auswirkungen auf die in Dörfern lebende usbekische Bevölkerung und Landschaft. Dieses sich dort befindliche Grenzgebiet zwischen Kirgistan und Usbekistan, das Fergana Tal, war jedoch nicht immer ein strikter Grenzbereich. Früher war freies, unkompliziertes Überqueren der Grenze möglich. Das Heiraten, Arbeiten oder zur Schule gehen auf der gegenüberliegenden Seite war Teil des Alltags. Dieses grenzüberschreitende Leben machte die Grenze beinahe nicht wahrnehmbar (Troscenko, 2016, S. 91). Grenzen sind dynamisch und verändern sich laufend mit der Zeit. Die Grenzziehungen sind abhängig von Machtbeziehungen und politischen Prozessen. Entweder sind Grenzen gar nicht vorhanden, werden neu definiert oder ehemalige Grenzen werden wiedererrichtet (Troscenko, 2016, S. 88).

Oft werden Grenzen assoziiert als fixe Linien in einer Landschaft, ausgestattet mit hohen Zäunen, Stacheldrähten, Mästen, tiefen Gräben, Verfestigungen oder Barrieren mit bemannten Posten. Grenzen können allerdings nicht lediglich als Linien auf der Karte betrachtet werden, sondern auch als Raum des Austauschs, als Verbindung zwischen zwei Gebieten wodurch Netzwerke entstehen können. Dieses Konzept bezeichnet Robert R. Alvarez als «bridging» (Alvarez, 2012).

Einerseits wird eine materielle, physisch sicht- und spürbaren Grenze im betroffenen Gebiet erwähnt. Dies ist das klassische Bild, welches Menschen von Grenzen haben. Zum anderen existiert eine nicht materielle, nicht sichtbare Grenze. Diese Grenze ist trotzdem spürbar, da es zu Verlinkungen zweier Nationen kommt und gegenseitige Netzwerke und Zusammenschlüsse entstehen, welche sich in sozialen Tätigkeiten, der Arbeit und dem Gemeinschaftsleben widerspiegeln.

Für Troscenko ist eine Grenze nicht einfach eine Barriere, welche ein Gebiet von einem anderen trennt, sondern vielmehr etwas, was die Menschen im Grenzgebiet formt und somit in ihrem Leben direkt beeinflusst (Troscenko, 2016, S. 103, 104).

Durch mehrere Beispiele der zerfallenden Infrastruktur (geschlossene Strassen, einer kaputten Handelsbrücke, stillgelegte Kanäle und Pipelines) sowie persönliche Lebensgeschichten, gelingt es Troscenko den materiellen und gesellschaftlichen Wandel im Grenzgebiet detailliert zu illustrieren.

Kritik gibt es im Bereich der Transparenz ihrer Forschungsmethode.  Bis auf die Tatsache, dass im Jahr 2014 eine Feldforschung durchgeführt wurde, wird nur wenig über das Vorgehen der Forscherin erwähnt. Wie lange war sie vor Ort? Mit welchen Methoden und Mitteln hat sie gearbeitet?

Anders als in der Kursliteratur über die Maquiladoras (Berndt, 2012) wird der grenzüberschreitende Handel nicht gefördert, sondern Strassen und Versorgungsnetzwerke der ehemaligen Sowjet-Zeiten wurden stillgelegt. Usbekistan und Kirgistan isolieren sich zunehmend, angeblich aus ökonomischen und sicherheitstechnischen Gründen (Troscenko, 2016, S. 91).

Zusammenfassend gesehen sind Grenzen nicht lediglich soziale Konstrukte, sondern deren physische Präsenz und ihre Materialität haben einen prägenden Einfluss auf die lokale Bevölkerung. Der klar strukturierte Buchabschnitt, mit einem starken Fokus auf die Materialität der Grenze, vermittelt einen nachvollziehbaren, aussagekräftigen, wenn auch ein wenig nostalgischen Standpunkt.

Literaturverzeichnis

Alvarez, R. R. (2012). Reconceptualizing the Space of the Mexico-US Borderline. In A Companion to Border Studies (S. 538-556). New York: John Wiley & Sons, Ltd.

Berndt, C. (2012). Maquiladora. In V. S. Nadine (Hrsg.), Marquardt: Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart (S. 185-191). Bielefeld: transcript.

Troscenko, E. (2016). With a Border Fence in the Backyard: Materialization of the Border in the Landscape and the Social Lives’ of Border People. In H. Toje, & T. Bringe (Hrsg.), Eurasian Borderlands (S. 87-106). New York: Palgrave Macmillan.

Autoren: Sam Louis & Marius Eller

Rezension zu “Quantifying Impediments to India-Nepal Overland Trade: Logistics Issues and Policy Message”

Sanjib Pohit, der Autor dieses Papers, weist eine 20-jährige Erfahrung in der Modellierung der Bereiche Handel und Umwelt auf. Sein Forschungsgebiet umfasst Wirtschafts- und Technologiepolitik, institutionelle Ökonomie, Verkehrswirtschaft, Input-Output-Modelle, ausländische Direktinvestitionen, informeller Handel Automobilindustrie und Integration in Südasien. Seine Ausbildung erlangte er am Indischen Statistischen Institut (NCAER 2018). Continue reading “Rezension zu “Quantifying Impediments to India-Nepal Overland Trade: Logistics Issues and Policy Message””

Russia’s and Europe’s Borderlands

Philipp Casula ist ein Soziologe, dessen Forschung sich auf die Aussenpolitik der Sowjetunion und Russland, sowie auf die Politik der internationalen Beziehungen spezialisiert (Universität Zürich, 2018). In der Zeitschrift «Problems of Post-Communism» veröffentlichte er 2014 den Artikel «Russia’s and Europe’s Borderlands».

 

Die Europäische Union und Russland haben verschiedene Herangehensweisen zu ihren Grenzräumen. Russland auf der einen Seite setzt vor allem auf Souveränität und Geopolitik, und die EU auf der anderen Seite auf Sicherheit und Biopolitik. Nach Russlands Ansichten ist Grenzziehung und Territorium stark an Identität gebunden. Das russische Identitätsbild basiert primär auf der gemeinsamen Kultur und Geschichte. So rechtfertigt Russland die Integration der ehemaligen Sowjetstaaten durch die gemeinsame Identität. Die heutige Grenzziehung Russlands stimmt somit nicht mit der territorialen Identität überein. Für die EU ist die gemeinsame Identität nebensächlich, sie beruht auf den Werten und Normen der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und setzt sich für die Sicherheit der Bevölkerung ein. Die Grenzen der EU sind in einem stetigen Wandel und dementsprechend nicht statisch. Sie sind durchlässiger für die Zirkulation von Kapital, Menschen, Gütern und Dienstleistung, vor allem innerhalb der EU, wie auch in den Grenzgebieten Russlands, beispielsweise in Karelien. Die EU Aussengrenzen werden jedoch stärker kontrolliert und überwacht (Casula, 2014).

Der Artikel fokussiert sich hauptsächlich auf Grenzräume mit unterschiedlichen Machtstrukturen und auf die Differenzierung von unterschiedlichen Grenzen. Die Borderlands werden durch Hierarchisierung der Menschen, politisches Handeln und den Begriff der Identität konstruiert.

 

Casula beginnt mit einem Zitat von Gloria E. Anzaldúa, welches eine kurze und präzise Definition über Borderlands gibt und das Interesse des Lesers weckt. Die klare Struktur und der Sprachgebrauch des Autors sorgen für einen verständlichen Überblick. Das Souveränitätsverständnis von Russland wird an den Beispielen der Krim und Georgien veranschaulicht und zeigt deutlich die Machtausübung und Geopolitik Russlands. Die Begriffe Souveränität, Geopolitik, Biopolitik und Sicherheit werden nachvollziehbar definiert. Die zahlreichen Wiederholungen führen einerseits dazu, dass sich die komplexen Begriffe beim Leser festsetzten, andererseits jedoch stören sie den Lesefluss. Am Ende erwähnt der Autor, dass die Herangehensweise an Borderlands von Russland und der EU nicht auf den Dualismus von Souveränität und Biopolitik reduziert werden kann, sondern dass sich die Machttechniken überlappen und andere Faktoren mitspielen. Auf diese Faktoren geht er jedoch nicht näher ein und es wäre von Vorteil, wenn er diese wenigstens erwähnen würde. Oftmals bezog sich der Text auf Russland und die Position der EU wurde oberflächlicher behandelt.

 

Das Zitat in «Borderlands» von Marc Boeckler «Borderlands sind selten. Sie gedeihen vor allem dort, wo nationale Gesellschaften grenzüberschreitend aneinanderstossen, und nur dort, wo diese Begegnung Augenblicke spektakulärer Irritation erzeugen kann.» (Boeckler, 2012: 45), knüpft an den Artikel von Philipp Casula an. Die Borderlands von Russland und der EU, ist der Ort, wo Souveränität und Biopolitik aufeinandertreffen.

Unserer Meinung nach ist der Text verständnisvoll formuliert. Da wir mehrheitlich die Werte der EU vertreten, ist es interessant zu sehen, wie anders Russland agiert, obwohl die räumliche Distanz relativ klein ist.

 

Literaturverzeichnis

Boekler, Marc (2012): Borderlands. In: Marquardt, Nadine, Verena Schreiber (Hg.). Ortsregister. Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart, Bielefeld: transcript. S. 44-49

Casula, Philipp (2014): Russia’s and Europe’s Borderlands. Between Sovereign Intervention and Security Management. In: Problems of Post-Communism, Band 61, Heft 6, S. 6-17

Universität Zürich (2018): Historisches Seminar. https://www.hist.uzh.ch/de/fachbereiche/oeg/projektmitarbeiter/philippcasula.html#3 (Zugriff: 07.11.2018)

 

Autoren: Vanessa Wyer und Adriana Holzer

Ciudad Juárez: A Perfect Storm on the US–Mexico Border

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Eine alltägliche Szene: aus einem Auto heraus ist dieser Mann vor kurzem in Ciudad Juárez erschossen worden. (Ehringfeld, 2010) 

Der Autor Dr. Tony Payan ist Dozent an der Universidad Autónoma de Ciudad Juárez und ehemaliger Präsident der Association of Borderland Studies. Sein Forschungsgebiet sind internationale Beziehungen mit Schwerpunkt US-Mexiko-Beziehungen, border issues und Grenzforschung. Diese Rezension bezieht sich auf seinen Artikel “A Perfect Storm on the US–Mexico Border” aus dem Journal of Borderland Studys (Rice University’s Baker Institute for Public Policy, o.J.).

Die Grenzstadt Ciudad Juárez, früher eine schnell wachsende Industriestadt, wurde schrittweise zum Ort beispielloser Gewalt. 2010 bekam sie wegen der enorm hohen Mordrate sogar den Spitznamen als „gefährlichste Stadt der Welt“. Payan erörtert den die Problematik der Stadt mittels qualitativer Feldforschung wie Beobachtungen, improvisierten Gesprächen, Fotografien und Bildanalysen. Er argumentiert, dass quantitative Erfassungsmethoden zu kurz greifen würden, um die komplexen Zusammenhänge zu erklären, welche schlussendlich zum sozioökonomischen Zusammenbruch der Grenzstadt geführt haben. Diesen rekonstruiert  er im Artikel, indem er ihn als Resultat einer Serie ungünstiger Entscheidungen darstellt. Dabei ist die Landesgrenze zur USA die wichtigste kontextabhängige Variable, da diese die Entscheidungen der Stadtführung massgeblich beeinflusst hat. Durch jede Entscheidung limitiere oder erweitere eine Stadt ihre Möglichkeiten und Flexibilität, mit langsamen aber auch mit rapiden Veränderung umzugehen. Ciudad Juárez ist eine Stadt, welche sich wegen ihrem Grenz-orientierten Wirtschaftsmodell zunehmend selber begrenzt, auf externe Schocks zu reagieren (Payan 2014).

Payan nähert sich dem Phänomen Ciudad Juárez mit einem holistischen Zugang, der die Betrachtung der Stadt als Ganzes möglich macht. In seinem Artikel zeigt er klar auf, wie und warum Entscheidungen gefällt wurden, was entscheidende Wendepunkte der Entwicklungen verständlich macht. Längerfristige Muster der wirtschaftlichen, politischen und sozialen Faktoren werden anschaulich analysiert und erklärt, in dem er die aktuelle Situation in einen grösseren Kontext einbettet. Die Vor- und Nachteile des grenznahen Standortes von Ciudad Juárez werden verständlich aufgezeigt. Dadurch wird der Zusammenhang von internen und externen Faktoren klar und es wird verdeutlicht wie die Finanzkrise 2008 zu dem Kollaps der Stadt beitrug. Kritisch anzumerken ist die teilweise mangelnde Transparenz in der Vorgehensweise und der genauen Methodik, mit welcher Payan seine Resultate erhielt.

Im Bezug auf den Artikel von Berndt (2012) zeigt Payan (2014) auf, dass die Stadt Ciudad Juárez sich selber durch ihren strikten Fokus auf die Wirtschaftsform der Maquila Fabriken Grenzen setzt. Einerseits was ihre Entwicklungsmöglichkeiten aber vor allem was ihre Flexibilität im Falle von Veränderungen angeht. Sie grenzen sich von anderen Wirtschaftsformen ab und dadurch selber ein. “Gewalt ist deshalb oft nicht die Ursache, sondern die Offenbarung der gesellschaftlichen Unfähigkeit, sich an neue Umstände anzupassen.» (Payan 2014)

Payan gelingt es mit diesem Artikel die Problematiken und Strukturen von Ciudad Juárez aufzuzeigen. Er erläutert sehr reflektiert und bettet die Thematik in einen grösseren Rahmen ein. Hierdurch erhält man einen aufschlussreichen, kompakten Einblick in die Auswirkungen der Wirtschaftsform der Maquila Fabriken an der Landesgrenze.

 

 

Literaturverzeichnis:

Berndt, Christian (2012). Maquiladora. In: Marquardt, Nadine, Verena Schreiber (Hg.).
Ortsregister. Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart. Bielefeld: transcript. 185-191.

Payan, Tony (2014): Ciudad Juárez: A Perfect Storm on the US-Mexico Border. In: Journal of Borderland Studies, 2014, 29, 4, 435-447.

Rice University’s Baker Institute for Public Policy, (o.J.): Experts. https://www.bakerinstitute.org/experts/tony-payan/. (Zugriff: 05.11.2018).

Bildquellen:

Ehringfeld, Klaus (2010): Die Stadt der Mörder. In: Stuttgarter Zeitung. https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ciudad-ju-rez-mexiko-die-stadt-der-moerder.c6ae7d02-f993-4b1b-b5b6-8e4875ad0829.html (Zugriff: 05.11.2018)

Rezension: Überlegungen zur Grenzregionforschung

Die gebürtige Polin Katarzyna Stokłosa (21.03.1974 in Bartoszyce) studierte Kulturwissenschaften an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt.  Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums 1998 verfasste sie ihre Dissertation unter dem Namen „Borders and Neighbourhood in Eastern Central Europe: A study of the Historic Development after World War II with a Case Study of the Oder-Neisse-Region”. Seit 2015 amtet  Stokłosa als Assoziierte Professorin für Grenzregionforschung an der University of Southern Denmark in Sønderborg (University of Southern Denmark). Das hier rezensierte Essay „Überlegungen zur Grenzregionenforschung“ wurde in der wissenschaftlichen Zeitschrift „Kirchliche Zeitgeschichte“ 2010 publiziert. Das halbjährlich, vom Vandenhoek & Ruprecht Verlag, herausgegebene Journal untersucht kirchengeschichtliche Themen mit dem Ziel fundierte Forschung über Konfessionen, Grenzräume und Ideologien zu betreiben.

Stokłosa beleuchtet in ihrem Aufsatz in chronologischer Abfolge verschiedene Grenzdefinitionen. Diese Definitionen sind, gemäss ihr, bis zur Herausbildung von Nationalstaaten im 18. Jahrhundert, ausschliesslich in einem regionalen Kontext entstanden und unterscheiden sich stark voneinander (S. 56). Dabei hebt die Autorin insbesondere die Differenzen zwischen dem deutschen Begriff „Grenze“ und den englischen Wörtern „Frontier“ sowie „Border“, zwei nicht synonym verwendbare Begriffe,  heraus (S.55). Anhand der drei Arten von Beziehungen zwischen nationalen Gruppen (kognitive-, funktionelle- und strukturelle Interpendenz) leitet Stokłosa ihre primäre Hypothese ab, dass Grenzen und Grenzräume stets subjektiv wahrgenommen und definiert werden (S.61).

Die Autorin hebt ausreichend hervor, weshalb Grenzräume ein relevanter Untersuchungsgegenstand sind, da diese Räume Orte von Konflikt und Austausch darstellen. Durch die subjektive Wahrnehmung von Grenzräumen entstehen für die Wissenschaft zahlreiche Forschungsfelder, welche mittels qualitativer Methoden untersucht werden können.
Stokłosa beschreibt Sachverhalte objektiv. Da ihr subjektiver Einfluss minim bis gar nicht durchschimmert, wirkt das Essay wissenschaftlich. Der Aufsatz ist aufgrund der simplen Sprachwahl einfach verständlich, trotzdem wird der Text einem wissenschaftlichen Anspruch gerecht. Alle Aussagen sind durch Quellen oder Literaturverweise belegt.

Obwohl die Autorin den  Grenzbegriff chronologisch abhandeln möchte, weist das Essay plötzliche Zeitsprünge vom 12. zum 18. Jahrhundert auf, was der Chronologie entgegenwirkt. Zudem enthält der Text Begriffe, welche nicht genau definiert werden. Beispielsweise führt die Autorin nicht aus, was sie unter „realen Grenzen“ (S. 56) versteht. Durch die hohe Anzahl von Fallbeispielen gibt die Autorin einen Überblick, jedoch wirkt das Essay dadurch etwas oberflächlich. Oft führt sie die Fallbeispiele nicht aus oder setzt Vorwissen voraus. Bei der Beschreibung des Fallbeispiels der Region Soria (S.56) setzt die Autorin Vorwissen über Spanische Geschichte voraus und führt nicht präzise aus, wie dieses Gebiet als Pufferzone gewirkt hat. Stokłosa spricht die Bedeutung von natürlichen Grenzen wie Gebirge, Flüsse etc. nicht an. Ausschliesslich die anthropogen geschaffenen Grenzen werden im Essay berücksichtigt, was aufgrund ihrer kirchengeschichtlichen Perspektive durchaus nachvollziehbar ist.

Auch Arneaud Lechevalier und Jan Wielgohs (2013:103) unterstützen den Gedanken, Grenzregionen als vielfältige Forschungsgebiete zu nutzen. Sie spezialisieren sich jedoch auf territorialen Zusammenhalt.

Zusammenfassend lässt sich aussagen, dass Stokłosas Aufsatz, bedingt durch ihre chronologische Erzählweise, einen roten Faden vorweist. Im Verhältnis zur Essaylänge liefert die Autorin einen umfassenden Überblick über Grenzregionen und insbesondere Grenzdefinitionen. Der Essay weist einen für den Leser nachvollziehbaren Aufbau auf, dem ein stimmiges und schlüssiges Konzept zugrunde liegt.

Literatur:

Lechevalier, A. & Wielgohs J.(2013): Territorial Cohesion and Border Areas. In: Borders and border regions in Europe: changes, challenges and chances. (S.95-110). Transcript. Bielefeld.

Stoklosa K.(2010): Überlegungen zur Grenzregionenforschung. In: Kirchliche Zeitgeschichte, Grenzen als Barrieren – Grenzregionen als Chancen. Das Beispiel Karelien. Vol. 23, No. 1. (S.53-62). Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen.

University of Southern Denmark: Katarzyna Stoklosa. http://findresearcher.sdu.dk/portal/en/persons/katarzyna-stoklosa(9ab749d1-293c-4228-9460-51725030a621)/info.html???top_university_url??? (Zugriff: 7.11.2018).

(Locher Luca, Sigrist Fiona)