Institutioneller Rassismus an Grenzen zwischen uns und den Anderen – Eine Rezension

Racial Profiling
Abbildung 1: Verdächtig oder nur dunkelhaarig? Polizisten halten in der Silvesternacht in Köln junge Männer hauptsächlich aus Nordafrika zurück und kontrollieren ihre Ausweise.

Unter dem Stichwort ‚Racial Profiling‘ wird auch in Europa seit einigen Jahren vermehrt über die Kontrollen nach Hautfarbe durch die Polizei diskutiert (vgl. Amnesty International 2014; Bürgerrechte & Polizei/CILIP 2013). Bernd Belina gehört zu den ersten deutschsprachigen Geographen, welche das Thema wissenschaftlich aufgegriffen haben. 2016 verfasste er zu diesem Thema den Aufsatz „Der Alltag der Anderen – Racial Profiling in Deutschland?“ (Belina 2016). Belina ist seit 2008 Professor am Institut für Humangeographie in Frankfurt am Main (Goethe Universität 2018).

Zu Beginn diskutiert Belina das Verhältnis zwischen Nation und Rassismus. Seine These lautet, dass beide auf Ausschlussprinzipien beruhen, mittels derer Grenzen zwischen ‚uns‘ und ‚den Anderen‘ gezogen werden. Die Unschärfen beider Grenzen führen dazu, dass in präventiven Polizeipraxen die Hautfarbe notwendig zu einem Stellvertreter für Nicht-Zugehörigkeit und Gefahr wird.

Im zweiten Abschnitt plädiert Belina anstelle des engen Begriffs von Racial Profiling die weitere Perspektive des institutionellen Rassismus anzulegen. Er erläutert, dass das Phänomen durch den Begriff Racial Profiling individualisiert wird, indem die rassistischen Vorurteile der Polizeibeamten ausschlaggebend sind. Da Polizeikontrollen nach Hautfarben jedoch vielmehr ein strukturelles Problem sind, führt er den Begriff des institutionellen Rassismus ein. Mit seinem Vorschlag des institutionellen Rassismus öffnet Belina das Phänomen für neue Forschungsansätze. Es ist jedoch hypokritisch, dass er trotz seiner Kritik den problematischen Begriff für den Titel seines Aufsatzes „Der Alltag der Anderen – Racial Profiling in Deutschland?“ gewählt hat.

Im nächsten Kapitel wird der institutionelle Rassismus im Kontext der Verschiebung der Grenzen diskutiert. Das deutsche Staatsterritorium ist vollständig von Staaten umgeben, von denen aus die Einreise aufgrund des Schengenraums ohne Grenzkontrolle vonstattengeht. Belina erklärt, dass die Grenzen Europas deshalb nicht mehr am Rande der Staatsgebiete liegen, sondern überall dort verstreut sind, wo Personen zirkulieren. Dabei vergisst er jedoch einen Grossteil der Opfer des institutionellen Rassismus, welche von ausserhalb des Schengenraumes einreisen.

Da der institutionelle Rassismus in der Wissenschaft noch sehr spärlich behandelt wurde, stellt Belina zum Schluss offene Forschungslücken dar. Erstens fehle die Forschung zur Polizeipraxis, welche die vorgefundenen Kontrollen in Bezug auf Intersektionalität und die Orte der Kontrolle diskutiert. Zweitens mangele es an Forschung über das Zusammenspiel der Polizeipraxis mit politischen Anforderungen und rechtlichen Regelungen. Zuletzt erkennt er, dass es zudem an empirischer Forschung über die Wahrnehmung der Kontrollierten fehlt.

Die Relevanz des Themas zeigt Jack Glaser (2015) mit einer Analyse der Erfahrungen von People of Colour. Er stellt fest, dass institutioneller Rassismus den sozialen Frieden gefährdet. Indem Belina die Forschungslücken aufzeigt, appelliert er, dass die Wahrnehmung der Kontrollierten ernst genommen werden muss und einen progressiven Beitrag zur Wissenschaft leisten kann.

Belina zeigt eindrücklich, dass durch den Schengenraum zwar bestimmte Grenzen aufgelöst werden, auf der anderen Seite aber soziale Grenzen durch Diskriminierung und Ausgrenzung entstehen. Leider legt er keine Lösungsansätze dar, wie man das strukturelle Problem der Polizeikontrollen nach Hautfarben angehen könnte. Er beschränkt sich lediglich darauf, die ersten Elemente einer Untersuchung  des institutionellen Rassismus der deutschen Polizei zu liefern. Seine ausführlichen Forschungsvorschläge versprechen jedoch, dass er mit diesem Aufsatz einen wichtigen Grundstein für zukünftige Studien über den institutionellen Rassismus und damit auch die Zukunft der von ihm Betroffenen gelegt hat.

 

Literatur

Amnesty International, 2014: Racial/Ethnic Profiling: Positionspapier zu menschenrechtswidrigen Personenkontrollen. Berlin.

Belina Bernd (2016): Der Alltag der Anderen – Racial Profiling in Deutschland? In: Dollinger, Bernd, Schmidt-Semisch, Henning (2016): Sicherer Alltag? – Politiken und Mechanismen der Sicherheitskonstruktion im Alltag. Berlin: Springer SV, S. 125-146.

Bürgerrechte & Polizei/CILIP, 2013: Themenheft Racial Profiling. H. 104.

Glaser Jack (2015): Suspect Race. Causes and Consequences of Racial Profiling. New York: Oxford University Press.

Goethe Universität (2018): Prof. Dr. Bernd Belina – Kurzportrait. https://www.uni-frankfurt.de/42233858/01_portrait. (Stand: 2018) (Zugriff: 05.11.2018).

Abbildung

Abbildung 1: Völlinger Veronika & Lauter Rita (2017): Racial Profiling – Die üblichen Methoden der Gefahrenabwehr. In: Die Zeit. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2017-01/racial-profiling-koeln-silvester-polizei-polizeieinsatz. (Zugriff: 06.11.2018).

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