Rezension: Die Interessenvertretung der Anderen

Der Politikwissenschaftler Ole Oeltjen hat sich mit der Thematik der Migration auseinandergesetzt und hat einen Artikel über die Unterkunftsbetreiber für Asylsuchende veröffentlicht. Die folgende Rezension bezieht sich auf seinen Artikel mit dem Titel “Die Interessenvertretung der ‘Anderen’ – Unterkunftsbetreiber als neue Akteure der Wissensproduktion über Asylsuchende”.

Der Text fokussiert besonders die Unterkunftsmitarbeiter_innen innerhalb der Unterkünfte, weil diese als Expert_innen auftreten. Für die Analyse wurden verschiedene Interviews mit Mitarbeiter_innen der gewerblichen und gemeinnützigen Betreiberorganisationen in Berlin zwischen November 2016 und Juli 2017 durchgeführt. Sie werden nicht nur als Mitarbeiter_innen angesehen, sondern als Akteure der Wissensproduktion. Gemäss dem Autor führt dies in einen «sowohl humanitaristischen als auch in einen orientalistisch geprägten Diskurs ein, in dem Asylsuchende zu ‘Anderen’ und Opfern ohne agency werden, die keine eigene Stimme haben und über die Entscheidungen getroffen werden» (Oeltjen 2018: 2). Deshalb tragen sie zum “silencing” der Stimmen der Migranten bei. Obwohl die Mitarbeiter_innen ihrer Arbeit emotional sehr verbunden sind und verbal solidarisch gegenüber den Bewohner_innen auftreten, legitimieren sie die verschiedenen Kontrollregimes innerhalb der Unterkünfte. Dabei zeigt der Autor wie einige Kontrollarten aus den Grundsätzen vom Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) in Deutschland nicht zulässig sind. Zwar nehmen sie die Bewohner_innen als Bedürftige wahr, jedoch behalten sie das Recht zu beurteilen, wie gross das Ausmass dieser Bedürftigkeit ist. Hinzu kommt, dass den Bewohner_innen pauschal bestimmte Eigenschaften, Verhaltensweisen und Vorurteile zugeschrieben werden. Dies impliziert wiederum das Konzept, dass es einen Unterschied zwischen «uns» und «den Anderen» gibt.  Ausserdem werden die Bewohner_innen für unfähig gehalten kultur übergreifend selbständig Interessen zu artikulieren. All diese Punkte haben einen wichtigen Effekt auf die Verteilung des Wissens, weil diese Mitarbeiter_innen gegenüber Medien und Behörden für die Bewohner_innen sprechen und auch unter den Betreiberorganisationen im Austausch stehen.

 

Der Text ist sehr klar gegliedert; in der Einführung wird die Struktur erklärt, sodass er einfacher zu folgen ist, und am Schluss findet man anstelle des Fazits ein Kapitel, welches “Ausblick” genannt wird. Im Text hat der Autor viele direkte Zitate und Ausschnitte von Interviews um seine Argumentation zu unterstützen hinzugefügt. Somit sind seine Argumente gut nachvollziehbar. Er hat nach der Literatur die Personen, die er interviewt hat, aufgelistet. In Ausblick wird noch erklärt wie die Untersuchung weitergeführt werden könnte, was für zukünftige Studien von Interesse sein kann. Der Text ist in der ersten Person geschrieben und der Autor hat immer eine gendergerechte Sprache benutzt.

Als einziger Kritikpunkt könnte man anfügen, dass eine Darstellung von den Grundsätzen der LAF hilfreich gewesen wäre, um das ganze rechtlich auch besser verstehen zu können.

 

Wie in der Kursliteratur von Brendt (2012) kommt es auch hier durch die Unterscheidung zwischen “uns” und “den Anderen” zur Bildung von Grenzen innerhalb der Gesellschaft, die dazu führen, dass Differenzen kristallisiert werden und einige Gruppen diskriminiert werden.

 

Dieser Artikel ist sehr interessant, weil  viele unterschiedliche Meinungen berücksichtigt werden, indem zum Beispiel der Autor Personen aus verschiedenen Bereichen und hierarchischen Niveaus befragte und somit einen guten Einblick in die Situationen gewährt.

 

Literatur

Berndt, Christian. (2012). Maquiladora. In: Marquardt, Nadine, Verena Schreiber (Hg.). Ortsregister. Ein Glossar zu Räumen der Gegenwart. Bielefeld: transcript. 185-191.

Haak Julia (2018): Tempelhofer Feld: so leben die Flüchtlinge im Containerdorf. in: Berliner Zeitung.

Oeltjen Ole (2018): Die Interessenvertretung der ›Anderen‹. Unterkunftsbetreiber als neue Akteure der Wissensproduktion über Asylsuchende. In: movements. Journal for Critical Migration and Border Regime Studies 4 (1).

 

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