“Hambi bleibt”

Im Hambacher Forst ist eine der am heissesten diskutierten Widerstandsbewegungen Deutschlands der letzten Jahre stationiert. Erst im Oktober 2018 sorgte ein gerichtlich festgelegter vorläufiger Rodungsstopp und eine anschliessende, friedliche Demonstration mit ca. 20’000 Teilnehmenden für internationale mediale Aufmerksamkeit (Zeit Online 2018). Seit 1978 unterhält dort das heutige RWE ein Tagebauwerk für Braunkohle, welchem seit Inbetriebnahme des Werkes etwa 95% des Waldes weichen mussten, verbleiben 200 Hektar (ARD 2018). Die Bewegung kämpft nicht nur für einen Rodungsstopp, die grösseren Ziele sind die Bekämpfung von  Braunkohlekraftwerken und Kapitalismus im Allgemeinen, sowie der Kampf gegen den Klimawandel und für einen Natur- und Artenschutz (Pfeifer et al. 2017).

Seit der ersten Widerstandsbewegung “Hambachgruppe” 1978 wurde der Protest kontinuierlich fortgeführt (BUND 2018). Im Frühling 2012 kam als neue Form des Protests die dauerhafte Besetzung der noch vorhandenen Waldfläche hinzu. Mit permanent bewohnten Baumhäusern, Barrikaden und Maschinensabotagen wird versucht, die Rodung aufzuhalten, was grossangelegte Polizeieinsätze auslöste – mehrmals wurde der Wald geräumt und Aktivist*innen angezeigt. Das Unterhalten eines Blogs zu aktuellen Entwicklungen, Öffentlichkeitsarbeit sowie Allianzen mit anderen Organisationen sind ebenfalls wichtiger Bestandteil der Widerstandsarbeit (Pfeifer et al. 2017). Als Gründe für den Widerstand werden der hohe CO2-Ausstoss von Braunkohlekraftwerken, der sinkende Grundwasserspiegel und die Umsiedlung von tausenden Betroffenen aufgeführt. Der Hambacher Forst selbst ist das grösste noch vorhandene Rückzugsgebiet von Bechstein Fledermäusen, welche nach EU-Regelung geschützt werden müsse (BUND 2017).

Der zunehmende Widerstand ist mit dem 2011 beschlossenen Atomausstieg zu verknüpfen, nach welchem Braunkohle eine Übergangslösung zur Energiesicherung Deutschlands darstellt (BMWi 2018). Der fortschreitende Klimawandel, dessen sichtbar werdende Folgen und das zunehmende Bewusstsein in der Bevölkerung führt zu häufigeren Aktionen für einen funktionierenden Klimaschutz. Im Kontext der unterschiedlichen Umweltabkommen, sowie den SDGs, wird Deutschland in den kommenden Jahren ihre formulierten Ziele nicht erreichen können (Koch 2018). Die vorhandenen Technologien und Social Media helfen dabei, eine internationale Vernetzung ähnlicher Organisationen aufzubauen, wie sie bspw. mit der ‘zone à défendre’ aus Frankreich und der ‘standing rock reservation’ aus den USA (Pfeifer et al. 2017) existieren.

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Solidaritätsbekundung auf dem VonRoll-Areal in Bern. Foto: Maja Kammer, 2018

Die Widerstandsbewegung im Hambacher Forst zieht viele Kritiker auf sich. Seitens der RWE, welche auf ihr Eigentumsrecht besteht und polizeiliche Hilfe annimmt, aber auch seitens der Regierung des Landes Nordrhein-Westfalen. Mit einem sofortigen Austritt aus der Braunkohleenergiegewinnung wäre die Energieversorgung nicht gesichert. Laut RWE fiele allein in Nordrhein-Westfalen in 3.2 Mio. Haushalte der Strom aus. Des Weiteren ist RWE ein wichtiger Arbeitsgeber Nordrhein-Westfalens (Parth 2017). Viel kritisiert wird auch die Gewaltbereitschaft der Aktivist*innen (FAZ 2018), weswegen laufend Gerichtsverfahren gegen Aktivist*innen eröffnet werden. Durch ihre gesetzten Ziele, kann die Bewegung wenn überhaupt nur einen Teilsieg erreichen. Zwar steht der Rodungsstopp im Vordergrund, aber Ziele wie die Abschaffung des Kapitalismus und das Leben bestimmter Utopien werden nicht in so kurzer Zeit ohne ein Extremereignis umgesetzt.

Der Hambacher Forst bleibt ein umstrittenes Gebiet. Das laufende Gerichtsverfahren um den Antrag eines Naturschutzgebietes in dieser Zone wird richtungsweisend für den verbleibenden Wald und damit den Protest gegen den Braunkohlebau Hambach sein.

(Hediger, Lukas & Maja Kammer)

 

Literatur

BMWi. 2018. Erneuerbare Energien. https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Dossier/erneuerbare-energien.html (Zugriff 23.10.2018)

Bonnen, Christopher. 2018. Ein Wald als politisches Symbol. https://www.tagesschau.de/inland/symbol-hambach-101.html (Zugriff 23.10.2018)

BUND. 2018. 40 Jahre Widerstand gegen den Tagebau Hambach. https://www.bund-nrw.de/…/2018_02_Tagebau_Hambach_40_Jahre_Widerstand.pdf (Zugriff: 23.10.2018)

BUND. 2017. Save the «Hambacher Forst» – Stop coal mining! Background Hambacher Forst. https://www.bund-nrw.de/service/publikationen/detail/publication/save-the-hambacher-forst-stop-coal-mining/ (Zugriff: 18.10.2018)

Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ). 2018. Polizisten im Hambacher Forst mit Steinen beworfen. http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/polizisten-im-hambacher-forst-mit-steinen-beworfen-15757175.html (Zugriff: 24.10.2018)

Koch, Carole. 2018. Mitten ins deutsche Herz – Warum es im Kampf um den Hambacher Forst um viel mehr geht als ein paar Bäume. In: NZZ am Sonntag. https://nzzas.nzz.ch/hintergrund/hambacher-forst-warum-es-um-mehr-geht-als-ein-paar-baeume-ld.1424345 (Zugriff 18.10.2018)

Parth, Christian. 2017. Fuchs gegen die Maschine. In: Zeit Online. https://www.zeit.de/gesellschaft/2017-08/braunkohleabbau-nrw-rwe-hambacher-forst-protest/komplettansicht (Zugriff: 23.10.2018)

Pfeifer, Thomas, Schneider, Tim & Mats Stadtmann. 2017. Aktivismus im Hambacher Forst – Alltag als politisches Mittel. https://www.researchgate.net/publication/327137298_Aktivismus_im_Hambacher_Forst-Alltag_als_politisches_Mittel_Entstanden_im_Rahmen_des_Forschungsprojektes_Globale_politische_Okologien_der_Kohle_im_Masterstudiengang_Geographie (Zugriff: 18.10.2018)

Zeit Online. 2018. Zehntausende demonstrieren gegen Braunkohleabbau. https://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2018-10/hambacher-forst-proteste-demonstration-rwe-kohleausstieg (Zugriff: 23.10.2018)

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